Regionale Schule mit Grundschule Vellahn

Man hätte im Klassenraum eine Stecknadel fallen hören können. Gespannt und aufmerksam folgten in der vergangenen Schulwoche die Schüler der neunten Klasse der Regionalen Schule mit Grundschule Vellahn den Ausführungen von Lieke van Amstel. Die Niederländerin hat den 2. Weltkrieg zum Glück nicht miterleben müssen, schließlich wurde sie erst viel später nach dessen Beendigung geboren. Trotzdem steht ihre eigene Familienhistorie in unmittelbarer Verbindung mit dem dunkelsten Kapitel der deutschen Geschichte. „Ich habe meinen Großvater Bastiaan Herman niemals persönlich kennenlernen dürfen. Meine Mutter Hanna sprach kaum über ihn. Sie hat nur gelegentlich erwähnt, dass er bei der Widerstandsbewegung war, im November des Jahres 1944 festgenommen wurde und in Deutschland gestorben ist“, erzählt Lieke van Amstel, die gemeinsam mit ihrem Mann Harry Vogels zu einem Zeitzeugengespräch in die Vellahner Schule gekommen war. Obwohl sie ihre Mutter oft darum gebeten hat, ein wenig mehr über ihren Großvater zu erzählen, um die Umstände seines Todes klären zu können, weigerte sie sich über viele Jahre hinweg. „Es war für sie einfach zu schmerzvoll, um darüber zu reden. Ich habe das respektiert“, berichtet Lieke van Amstel den gespannt zuhörenden Schülern. Durch einen Zufall entdeckte aber ihre Mutter bei einer Freundin ein Buch mit den Namen niederländischer KZ-Opfer, in dem nicht nur der Name Bastiaan Herman geschrieben stand, sondern auch dessen Sterbedatum 14. März 1945 und der Ort, das Konzentrationslager Wöbbelin. Dieses diente in den letzten Kriegswochen als Evakuierungslager des KZ Neuengamme. Bastiaan Herman wurde nach seiner Verhaftung im holländischen Alkmaar in das polizeiliche Durchgangslager Amersfoort deportiert, von wo aus er einen letzten Brief an seine Familie schreiben konnte. Erst im Jahre 1950 wurde durch eine amtliche Sterbeurkunde der Tot des Großvaters bestätigt. „Im Oktober des Jahres 2007 bin ich gemeinsam mit meiner Mutter Hanna und meinem Mann erstmalig zur Mahn- und Gedenkstätte nach Wöbbelin gefahren. Dort begegneten wir Ramona Ramsenthaler, die uns sehr liebevoll empfing und die von uns mitgebrachten Fotos und Papiere mit ihren Unterlagen verglich. In einer, von einem Häftling geführten Liste, fanden sie den Namen des Vaters beziehungsweise Großvaters. Er war am 15. Februar 1945 mit dem ersten Transport aus dem KZ Neuengamme gekommen und starb am 14. März im KZ-Außenlager Wöbbelin“, schildert Lieke van Amstel. Obwohl der Besuch der Mahn- und Gedenkstätte seinerzeit für alle einen schweren Gang darstellte, war es besonders für Hanna van Amstel eine große Erleichterung, schließlich kannte sie nun endlich nach sechzig Jahren den Beerdigungsort ihres eigenen Vaters. „Der Schmerz ist gelindert, die Wut ist weg, aber die Wehmut bleibt.“  An diesen Satz ihrer Mutter beim Niederlegen von Blumen in Wöbbelin erinnerte sich Lieke van Amstel in der vergangenen Woche beim Zeitzeugengespräch noch ganz genau und dieser wird mit Sicherheit den Rest ihres Lebens auch in ihrer Erinnerung bleiben. „Wir  können wirklich froh und glücklich darüber sein, dass wir solche Ereignisse nicht mehr erleben müssen. Euer Leben in Frieden und Geborgenheit ist auch ein Verdienst des Mahnens und Gedenkens. Das dürfen wir niemals vergessen und ausblenden“, sagt Schulleiter Torsten Booß abschließend an seine Schüler gerichtet. Entstanden ist der Kontakt zu Lieke van Amstel durch den Besuch der 9. Klasse gemeinsam mit ihrem Geschichtslehrer Christoph Heine in der Mahn- und Gedenkstätte Wöbbelin.

Text und Fotos: Tilo Röpcke

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